Schimäre in der Uniklinik

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Schimären – jene Mischwesen aus alter Zeit – halb Mensch, halb Tier – wer kennt sie nicht? Schon seit der Steinzeit gibt es Bilder von ihnen. Bei den alten Ägyptern sind zahlreiche Gottheiten so dargestellt. Und selbst in der Neuzeit tauchen sie in Märchen auf, z. B. als Meerjungfrau. Nie richtig Mensch, nie richtig Tier. Was sie alle gemein haben: Sie waren nie echt, sie sind aus dem Reich der Mythologie. Heute wäre es mit Hilfe der Gentechnik denkbar, Mischwesen aus Mensch und Tier zu erzeugen, indem man menschliche Zellkerne in tierische Eizellen verpflanzt, sogenannte Zybride.

In der Uniklinik bemüht man sich, eine geistige Schimäre zu entwickeln, im Bereich der Arbeitszeitordnung: den »Reservedienst«.

Reservedienst bedeutet: Die Pflegekraft wird im Dienstplan zum Reservedienst eingeteilt, weiß aber nicht, welchen Dienst (Früh- oder Spät- oder Nachtdienst) sie an diesen Tagen haben wird. Erst kurzfristig, einen Tag im voraus erfährt sie, ob sie Frühdienst oder Spätdienst oder Nachtdienst machen soll. Ist kein Bedarf auf Station, kann sie Urlaub nehmen oder Überstunden abbauen.

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt, es gelten die Regeln für „Arbeit auf Abruf“ nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz, §12. Die Pflegedirektorin Frau Krasemann meint, es sei keine »Arbeit auf Abruf«, da kein Vertrag dazu geschlossen worden sei. TzBfG §12 Abs.1

Viele Gewerkschafter sind der Meinung, dass der »Reservedienst« wie «Rufbereitschaft« sei und so vergütet werden müsse. Dem widerspricht die Pflegedirektorin, denn Rufbereitschaft ist nach Tarifvertrag außerhalb der regelmäßigen Arbeitszeit vorgesehen und auch nur dann, wenn normalerweise nicht mit Dienst zu rechnen ist: Der Reservedienst ist im Dienstplan jedoch fest mit Dienststunden geplant (keine Überstunden!). - TV-L §7 Abs. 4

Der »Reservedienst« sieht also aus, wie »Arbeit auf Abruf« und »Rufbereitschaft«, ist aber beides nicht so richtig. Er ist eine geistige Schimäre: Er ist nicht im Arbeitsvertrag, und weder im Tarifvertrag noch im Gesetz vorgesehen! Er ist ein Trugbild.

Der »Reservedienst« würde bewirken, dass Mitarbeiter ihre Souveränität über ihre Freizeit verlieren. Am Reservedienst-Tag kann man seine Freizeit nicht mehr verplanen. Die Wirklichkeit ist: Die zu dünne Personaldecke soll durch Zugriff auf die Freizeit der Mitarbeiter verstärkt werden. Das ist Freizeitdiebstahl! In einem Betrieb, in dem über ein Drittel der Belegschaft Teilzeit arbeiten und ihre Freizeit schätzen, wird der »Reservedienst« ein fixe Idee bleiben.