Nicht mehr als 4 Nachtdienste hintereinander?

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Nachtdienst ist anstrengend und gesundheitsschädlich. Das weiß man seit langem. So war es den Arbeiterinnen nach der Reichsgewerbeordnung verboten, Nachtarbeit zu leisten. Krankenschwestern waren davon nicht betroffen, sie waren keine Arbeiterinnen sondern Angestellte. Was für eine Inkonsequenz! 1992 wurde das Nachtarbeitsverbot für Arbeiterinnen dann aufgehoben. Was für ein "Fortschritt" für den Arbeitsschutz!

20 Jahre später wird der Arbeitsschutz wiederentdeckt: Seit 2012 bestimmte die Pflegedirektion des UKA, dass für Pflegekräfte nicht mehr als 4 Nachtdienste hintereinander geplant und von ihnen geleistet werden dürfen. Das geschah aufgrund der Beratung durch die BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitmedizin), die den Verantwortlichen darlegte, dass sie möglicherweise für Gesundheitsschäden der Mitarbeiter haften müssten. Dabei ist das nichts Neues:

Jeder Unternehmer haftet für die gesundheitliche Unversehrtheit seiner Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Arbeit und Arbeitsumstände dürfen nicht krank machen. Dennoch muss man Risiken am Arbeitsplatz in Kauf nehmen. In Deutschland gibt es sehr viele Arbeitsplätze, die krank machen können. Große Unternehmen verlagern solche Arbeitsplätze inzwischen gerne in Länder, in denen Gesundheitsschutz nicht so groß geschrieben wird und gleichzeitig auch noch das Lohnniveau niedriger ist. 

Die Arbeitplätze im Krankenhaus bleiben. Auch Nachtdienst wird weiter notwendig bleiben.

Es ist seit langem bekannt, dass Nachtdienstler häufiger an Magenbeschwerden oder Schlafstörungen leiden und dass ihr Risiko an Krebs zu erkranken höher ist. (Die Liste der möglichen Beeinträchtigungen ist noch länger.) Deshalb haben Nachtarbeiter nach dem Arbeitzeitgesetz §6 Abs.3 das Recht, sich arbeitsmedizinisch auf Kosten des Arbeitgebers untersuchen zu lassen, und sie können vom Arbeitgeber nach § 6 Abs. 4 (ArbZG) die Umsetzung auf einen Tagesarbeitsplatz verlangen, wenn ihre Gesundheit gefährdet ist.

In den 90er-Jahren gab es Untersuchungen zu den Auswirkungen des Dauernachtdienstes. Diese Untersuchungen veranlassten die BAuA , Empfehlungen zu veröffentlichen. Wichtig ist aber immer: Neue Regelungen sollen nicht über die Köpfe der Mitarbeiter getroffen werden sondern mit ihnen!

(Gestaltung der Arbeitszeit im Krankenhaus)

(Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit)  

Und im Klinikum Aachen? Jeder stellt sofort fest, dass diese Empfehlungen nicht alle mit der Alltagsrealität vereinbar sind. Auch Die BAuA erklärt selbst, dass die Empfehlungen 6 und 7, also das frühe Enden des Nachtdienstes und der späte Beginn des Frühdienstes nicht vereinbar sind.

Es werden Regeln aufgestellt, die zwar statistisch Sinn machen, nicht aber individuell. MitarbeiterInnen sollen wie Maschinen funktionieren und nicht kaputt gehen. Was sie selbst dazu meinen und individuell planen, ist für die Pflegedienstleitung überhaupt nicht entscheidend. Die PDL interessiert es auch nicht, dass nun noch mehr Kolleginnen und Kollegen unzufrieden sind. Die einen (die gerne Nachtdienst machen), weil sie nicht mehr ihre gewünschte Zahl an Nächten machen dürfen und die anderen (die ungern nachts arbeiten möchten), weil sie die übrigbleibenden Nächte machen müssen. Man bedenke: Da werden zur Zeit mit erheblichem Geldaufwand Pflegekräfte durch Werbemaßnahmen angelockt oder in Rumänien rekrutiert. Hier wird den erfahrenen Nachtdienstbeschäftigten gesagt, dass sie sich in ihrer individuellen Lebensgestaltung irren, deshalb ein Rhythmus wie eine Woche Nachtdienst/ eine Woche frei nicht mehr erlaubt sind. Überhaupt soll es Dauernachtdienst nur noch für Teilzeitkräfte (mit einem Anteil von maximal 70%) geben. Kein Platz mehr für individuell passende Absprachen. Da werden wohl noch mehr Mitarbeiter das UKA verlassen. Was für eine Personalführung! 

Die rheinische Lebensweisheit „Jede Jeck es anders“ (Kölner Grundgesetz, §6) spielt für Chefs und Ämter keine Rolle. Statistiken zählen. Wer allerdings neuere Untersuchungen zur Nachtarbeit im Internet sucht, tut sich schwer. Man findet immer nur die aus dem letzten Jahrtausend. 

Dabei begegnet uns die Werte-Abwägung zwischen Freiheit und Schutz im täglichen Leben immer wieder. Beispiel: Jeder weiß, dass Ski-Abfahrt-Laufen gefährlich sein kann und man sich bei einem Sturz verletzen kann. Dennoch nehmen sich immer wieder viele Menschen die Freiheit, auf die Piste zu gehen. Es bleibt eine individuelle Entscheidung mit individueller Verantwortung.

Bei öffentlichen Arbeitgebern gibt es Angst vor Verantwortung freiheitIicher Entscheidungen. Da haben wohl viele immer noch den Wunsch nach einem Herren-und-Untergebenen-Verhältnis. In der Welt der Arbeitsvertragspartner gibt es aber ein viel größeres Maß an Freiheitlichkeit. Da gibt es für viele noch viel zu lernen.